XXXV. Wie die Staatsanwaltschaft 2003 Michael Jackson missbrauchte: Die Konstruktion einer Anklage

„Wir werden unsere Bestes geben, damit dieser Fall funktioniert.“

Michael Jackson Anklage 2003
Das Konstrukt der Staatsanwaltschaft von 2003 gegen Michael Joe Jackson Quelle

Sergeant Robel, ein über alle Maßen engagierter Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft 2003. 1

Webseiten mit Gerichtsprotokollen:
themichaeljacksonallegations.com
www.reflectionsonthedance.com/TrialTranscripts.html

Wie die Staatsanwaltschaft ihr Vitiligo-Problem in ihrer Anklage löste

Bezirksstaatsanwalt Tom Sneddon, genannt „Mad Dog“, behauptete 2005 in seiner Anklage gegen Michael Joe Jackson fünf Akte angeblichen Missbrauchs am angeblichen Opfer Gavin Arvizo durch den an der Pigmentstörung Vitiligo erkrankten Angeklagten. 2 

Interessierte Prozessbeobachter erwarteten über diese Anklageformulierung eine irgendwie geartete Bestätigung etwaiger Pigmentstörung am Körper des Jackson, die schon 1993 Mittelpunkt der Beweisaufnahme gewesen war und zu Jacksons entwürdigender Leibesvisitation geführt hatte. Aber Vitiligo ist flüchtig. Und 2003 lag ein ganzes Jahrzehnt zwischen beiden behaupteten Taten. Und überhaupt ist ein Jahrzehnt ein zu langer Zeitraum für a) das Profil eines klassischen Päderasten und b) für das sich stets ändernde Erscheinungsbild von Jacksons Hautkrankheit Vitiligo. Und doch hätte Sneddons Opfer Gavin Arvizo 2003 doch zumindest eine ähnlich vage Beschreibung wie Jordan Chandler 1993 abgeben können? Visierte Sneddon also nach einem Jahrzehnt eine erneute Leibesvisitation Jacksons an, um Arvizos Beschreibung in die Beweisaufnahme einfließen zu lassen?

Sneddon aber betonte ausdrücklich in seinem Eröffnungsplädoyer im Februar 2005, dass der Angeklagte wiederholt und jedes Mal während der von der Staatsanwaltschaft behaupteten Akte angeblich die Hosen anbehalten hatte. Fünf Mal.

Das war sagenhaftes Glück für den D.A., der ausgerechnet über den heiß diskutierten Punkt im außergewöhnlichen Zustandsbild der angeblich gemusterten Genitalien Jacksons nicht wieder in dieselbe Falle des verunglückten Ergebnisses der Leibesvisitation von 1993 fallen wollte. In Sneddons Anklage sollte der Angeklagte dieses Mal die Hosen anbehalten haben. Jedes Mal.

Sneddon brauchte also 2003 keine Beschreibung, keine Fotos, keine Aussage des behaupteten Opfers. Der Fleck, der dem D.A. im Dezember 1993 so sehr zum Verhängnis geworden war, konnte also in der behaupteten Beschuldigung von 2003 von niemandem bemängelt werden.
Diese Formulierung im Konstrukt der Anklage gegen Michael Jackson war ausgezeichnet. Ausgesprochen ausgezeichnet

Der Star-Zeuge der Anklage: Zufällig präzise wie ein Uhrwerk “Drei Sekunden-Es war kürzer.“

Die Staatsanwälte Sneddon, Zonen und Auchincloss als Vertreter des Volkes gegen Michael Joe Jackson behaupteten 2005 in ihrer Anklage, dieses Mal hätten sie sogar einen Augenzeugen für behauptete Taten.

Michael Jackson Star Arvizo Gavin Arvizo 2003 Anklage
Star Arvizo 2003 (hinter Bruder Gavin) Quelle: Larry Nimmer „Michael Jackson – A Case for Innocence“ – nimmer.net/michael-jackson.html

Einen Augenzeugen hatte der Staatsanwalt 1993 bitter vermisst, nachdem der „Katalysator der Untersuchung (Anm.: Jordan Chandler), nicht mehr teilzunehmen wünschte an etwaigen Strafprozessen, in denen er als Opfer benannt ist.“ 3

Ein Tatzeuge einer behaupteten Tat ist Gold wert. Chandlers Zivilanwalt Larry Feldman war 1993 derselben Meinung und so sollte Gavin Arvizos jüngerer Bruder mit dem passenden Namen Star Zeuge der Anklage von 2003 gewesen sein. Das war ausgezeichnet in der Anklage des Staatsanwalts Sneddon.

Staatsanwalts Sneddons Vernehmung seines Star-Zeugen im Gericht wurde dabei von Journalist Matt Taibbi wie folgt beobachtet: 4

„Sneddon geifert praktisch, wenn der Junge endlich sagt, was er sah, was Jackson gemacht hat:
„Er, ähm, masturbierte.“
„Kannst du das demonstrieren?“, sagt Sneddon.
„Kannst du uns zeigen, was du sahst?“
„Was meinen Sie damit?“, flüstert der Junge.
„Kannst du uns zeigen, wie er masturbierte?“, wiederholt Sneddon. Der Junge windet sich, aber Sneddon drängt. Endlich bewegt der Junge seine Hand auf und ab.
„Kannst du das noch mal machen?“, fragt Sneddon.
Der Junge zögert, gibt dann eine weitere kurze Demonstration. Es ist noch immer nicht genug für Sneddon.
„OK“, schnappt er. „Fürs Protokoll, du bewegst deine Hand auf und ab, öffnest und schließt gewissermaßen deine Handfläche.“

[…] [Star Arvizo] ist in seiner Aussage sehr speziell darüber, wie lange er beide Sexakte beobachtete: Das erste Mal, sagt er, waren es vier Sekunden. Das zweite Mal?
„Drei Sekunden – es war kürzer“, sagt er. […]“

Der Star-Zeuge der Anklage: zufällig schweigsam bis zur Anklage

Aber Augenzeugen bringen für Anklage auch Komplikation mit sich, die es vor Anklageerhebung zu bedenken galt.

Direkt nach der Tat könnte sich die Aussage des Augenzeugen erheblich unterscheiden von jener Aussage, die er später vor Gericht zu machen hat. Wie leicht kommt es da in der Zwischenzeit zu Widersprüchen in seinen Berichten des Augenzeugen an Dritte.
Außerdem ist da die Gefahr der Aussagen der Dritten, über das, was der Augenzeuge ihnen erzählt haben mag, und zwischen dem, woran sich die Dritten noch erinnern, was ihnen der Augenzeuge erzählt haben mag. Wie schnell kann da ein kompliziertes Gespinst gewoben werden und im Kreuzverhör in sich zusammenbrechen.

Aber die Staatsanwälte beschreiben in ihrer Anklage ein wahres Glück.

Ausgerechnet in Sneddons und Zonens Anklage hatte der jugendliche Augenzeuge und Bruder des behaupteten Opfers angeblich niemandem erzählt, was er angeblich gesehen haben sollte. Niemandem hatte ausgerechnet dieser Augenzeuge etwas erzählt. Das hatte er gleich zweimal hintereinander getan. Niemandem. Das war ausgesprochen ausgezeichnet in Sneddons Anklage.

Und erinnert an dieselbe juristische Lage, in Evan Chandlers und Anwalt Rothmans „Plan“ von 1993: Evan Chandler soll nach angeblichem „Geständnis“ seines Sohnes Jordan, diesen nur umarmt und „nie wieder darüber gesprochen“ haben. Details will Evan erst eineinhalb Monate später aus der Klatschpresse erfahren haben. Damit war Evan raus aus dem Risiko seiner Zeugenaussage unter Eid. Zufällig.

Der Star-Zeuge der Anklage: zufällig brachte sein Schweigen keinen Erwachsenen in Verruf

Mit der Konstruktion des schweigsamen Star-Zeugen versuchten Sneddon und Zonen auch gleich den Ruf aller beteiligten Erwachsenen zu retten, die sich auch 2003 mit ihren Beschuldigungen wieder nicht an die Behörden gewandt, sondern wie schon 1993 ihr Glück bei den Anwälten mit Millionen-Dollar-Forderungen gesucht hatten. Niemand konnte diesen Erwachsenen 2005 einen Vorwurf machen, denn Star, der angebliche Augenzeuge, hatte ihnen ja nie erzählt, dass er für je 4 und 3 Sekunden bezeugen konnte, was seinem Bruder angeblich passiert sein sollte. Auch dieser Punkt war ausgesprochen ausgezeichnet in Sneddons Anklage.

Sneddon brauchte sich also 2005 mit seiner so passend formulierten Anklage um verunglückte Beschreibungen von gefleckten Genitalien (siehe 1993) nicht zu sorgen. Sneddon besaß dieses Mal einen Augenzeugen, der von Dritten nicht ins Wanken gebracht werden konnte. Sneddon musste auch keine Vorwürfe an beteiligte Erwachsene rechtfertigen, dass allein Geld die Motivation ihrer Anschuldigungen sei.

Sneddon bewirkte seit 1994 Gesetzesänderung aufgrund des Chandler-Debakels

Sneddon hatte schließlich seit 1994 in Sachen Jackson vorbereitend auf eine Gesetzesänderung hingewirkt: 1993 konnte noch das Zivilverfahren mit Geldforderungen im Evan-Chandler-Stil zeitlich vor dem Strafverfahren verhandelt und erledigt werden. Nach der Gesetzänderung musste aber dem Strafverfahren Vorzug gegeben werden, bevor die Kläger Geldforderungen überhaupt nur formulieren durften. Das Verhalten der Chandlers, die 1994 ihre Ansprüche im Zivilverfahren befriedigt hatten und im Strafverfahren nicht kooperativ waren, war Anlass für die Gesetzesänderung. 5

In seinem zweiten Fall gegen Michael Jackson hatte Sneddon 2003 Zivilanwalt Larry Feldman, der 1994 für sich und für Evan Chandler den Millionen-Dollar-Deal organisiert hatte, ausgeschaltet und sich volle Kontrolle im Rahmen des Strafverfahrens verschafft. 6 Und dieses Strafverfahren hatten die Arvizos 2005 erst einmal zu meistern, bevor sie sich den Millionen-Dollar-Forderungen zuwenden durften.

Mit seiner so ausgezeichnet vorbereiteten Anklage repräsentierten also Thomas Sneddon Jr. und seine Assistenz Ron Zonen das Volk gegen Michael Joe Jackson.

Der missglückte Versuch der Staatsanwälte, die Jury 2005 in die „Welt der Schatten“ zu führen

28.02.2005.
Tag 1 im Gerichtssaal von dem, der dabei war:

„Die Theorie der Staatsanwalt lautet – für die wenigen, die ihr zu folgen vermögen – dass die Ausstrahlung (von „Living with Michael Jackson“) eine finstere Verschwörung in Gang setzte, die letztendlich dazu führte, dass Michael Jackson eine Hand in die Unterhose eines Jungen steckt. Die Staatsanwaltschaft präsentiert den Film als das dramatische Eröffnungskapitel einer labyrinthartigen Fabel moralischen Verfalls; daraus folgt, dass die Abdunklung des Gerichtssaales dazu bestimmt ist, symbolischen Charakter zu haben, ein Zeichen dafür, dass wir eine Welt der Schatten betreten.
Aber der Effekt wird ruiniert, wenn der Film beginnt. Wenn die Kamera über die Tore von Jacksons Neverland Ranch fährt, donnert aus den Lautsprechern der vertraute Bass von „Billie Jean“ – und im Übertragungsraum beginnt das Meer der älteren Reporter umgehend beschwingt den Kopf zum Beat auf und ab zu bewegen. „Ich liebe diesen Song“, flüstert der TV-Reporter mir zu […]“

Matt Taibbi.  7

Michael Joe Jackson wurde von einer zwölfköpfigen Jury am 13.06.2005 von allen so ausgezeichnet konstruiert 14 Anklagepunkten des Bezirksstaatsanwalts Thomas Sneddon und seiner Assistenz Ron Zonen „Nicht schuldig“ gesprochen.


 

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Quellen

  1. Robel, Steve, Führender Untersuchungsbeamter Im Interview mit Gavin Arvizo und in seiner Zeugenaussage vor Gericht gegen Jackson, 2005.03.15., “MR. SANGER: All right. So June 20, you had information that had been obtained from Dr. Katz, and July 7th, you proceed to interview the kids, right? SERGEANT ROBEL: That is correct. MR. SANGER: And on that date, you indicated that, “We’re going to try our best to make this case work“; is that correct? SERGEANT ROBEL: Let me refer to that. MR. SANGER: You can look at — it’s in Davellin’s interview, page 33. SERGEANT ROBEL: Okay. I’m on page 33. There was quite a bit more where that – in addition to what I said in regards to that. MR. SANGER: Well, we can read the whole thing. SERGEANT ROBEL: Okay. I already read the whole thing. MR. SANGER: All right. So you said to Davellin at the — towards the end of her interview, “Okay. Okay. One thing I wanted to say and emphasize to you is that you guys are doing the right thing here. You know what, I know it’s scary, and I realize — really realize that you guys are going through a lot and you’ve been through a lot as a family. They’re the ones that have done wrong, not you. And trust me in this, and trust Detective Zelis, we’re law enforcement. We’re going to try our best to make this case work. I can’t guarantee it, where it’s going to go from here, but that’s why we’re interviewing everybody involved. I don’t care how much money they have” – do you want me to keep going? – “who he is, what — but he’s done wrong. You guys are the victims. Your family is. He is wrong in what he’s done. We’re going to try our best. Can’t guarantee it. We’re going to try our best to bring him to justice.” Did you say that? SERGEANT ROBEL: I definitely said that. MR. SANGER: Okay. So that’s not the statement of somebody who has an open mind who’s looking to see whether or not these people are telling the truth, is it?
  2. Sneddon, Thomas, Anklageschrift 21.04.2004: “The People of the State of California versus Michael Joe Jackson, Defendant“ verlesen durch Richter Melville am 28.02.2005.,  abgerufen 2017.06.14., siehe Webseite reflectionsonthedance.com/02-28-05_FINAL__Opening_Statement_Sneddon___part_I_of_Tom_.txt unbd reflectionsonthedance.com/Indictment.txt  
  3. Los Angeles Times, Jackson Not Charged but Not Absolved, Newton, Jim – Los Angeles Times Staff Writer vom 1994.09.22.,  abgerufen 2017.06.10, „We have concluded that because the young boy who was the catalyst for this investigation has recently informed us that he does not wish to participate in any criminal proceeding where he is named as a victim, that we must decline prosecution (of) Mr. Jackson,“ Gil Garcetti, the Los Angeles County district attorney, said.“, webadresse unter: latimes.com/la-me-michael-jackson-lawsuit-22-sept-94-story.html
  4. Taibbi, Matt, Smells Like Dead Elephants: Dispatches from a Rotting Empire, 10.2007, Grove Press, Black Cat, ISBN-13: 978-0802170415
  5. Deutsch, Linda, Prosecutors says law won’t allow Jackson to pay off accuser before trial,  2003.11.20., abgerufen 2017.04.25., “The prosecutor in the Michael Jackson case praised a law that can halt civil lawsuits during related criminal cases, saying it would prevent a scenario where the singer’s accuser accepted a settlement and then refused to testify in the criminal trial. The state law was passed because another child backed out of a 1993 molestation case against Jackson after the singer reportedly paid him a multimillion settlement, Santa Barbara District Attorney Tom Sneddon said. “It is an irony. The history of the law is that the L.A. District attorney’s Office carried the legislation as a direct result of the civil settlement in the first investigation,” Sneddon told The Associated Press in an interview.” Sneddon had baffled legal experts Wednesday when he seemed to imply at a national televised news conference that the new law lets prosecutors force minors to testify. „The law in California at that time provides that a child victim could not be forced to testify in a child molest proceeding without their permission and consent and cooperation,“Sneddon hat said. „As a result of the (first) Michael Jackson case, the Legislature changed that law, and that is no longer the law in California.“ But Sneddon later told the AP he was referring to a change that lets prosecutors intervene in a civil action, removing the monetary incentive for someone to wait for the outcome of a civil case before deciding whether to testify in a criminal trial. „The practical effect is that they cooperate“ with prosecutors in the criminal case, he said. Sneddon said he was aware that children cannot be forced to testify, and that reporters and other attorneys hat misinterpreted his remarks at the news conference. Loyola University Law professor Laurie Levenson said she was fielding calls all day from members of the legal community and other professionals who deal with molestation victims who were baffled by the district attorney‘ comments. „I think he misspoke and he was confusing,“ Levenson said. “ In a case of this magnitude with this much media attention, there is a responsibility to be more precise.“ This could affect other potential victims who wonder if they come forward will they be forced to testify. It is a bad message and it’s not a good first impression. … Everyone interpreted him as saying he could now force witnesses to testify. It was a disservice in that what he said may be scaring off other victims.“,  boston.com/news/daily/20/jackson_case.htm
  6. Feldman, Larry, Transcript of “Frozen in Time: A Riveting Behind-the-Scenes View of the Michael Jackson Cases”, Part 2. LARRY FELDMAN, 2010.09.15., 2017.03.05., “And so there were totally different things going on, with that kind of decisions that I made in the first case, I wasn’t making in the second case. The district attorney was. How this case would play out was the district’s attorney’s choice in the second case, while in the first case I had total control of how it would play out. … In the second case, it was the reverse. The district attorney in Santa Barbara, who ultimately got the case, insisted that the criminal case take place first, and that there be no civil case, and that the civil side of the case take a backseat, and they, rightfully so, wanted to control the case, and how it would be tried, and what would be tried, and how it would be dealt with in the press and elsewhere. And so there were totally different things going on, with that kind of decisions that I made in the first case, I wasn’t making in the second case. The district attorney was. How this case would play out was the district’s attorney’s choice in the second case, while in the first case I had total control of how it would play out.“,  vindicatemj.wordpress.com/2010/11/01/transcript-of-frozen-in-time-a-riveting-behind-the-scenes-view-of-the-michael-jackson-cases-part-2 
  7. Taibbi, Matt, Smells Like Dead Elephants: Dispatches from a Rotting Empire, 10.2007, Grove Press, Black Cat, ISBN-13: 978-0802170415

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