XXII. Der Jackson Missbrauch 1993: Taraborrelli, Randy: Des Biografs „Wahrheit ist noch seltsamer als Fiktion“

Die Wahrheit des Autors Taraborrelli, der mit seiner Jackson – Biografie seine Leser unterhalten will, ist „noch seltsamer als Fiktion“. Das Zitat in der Überschrift ist dem Klappentext der ersten Edition des stets unautorisierten Biografen Michael Jacksons entnommen.  1

2004 erklärte auch Raymond Chandler seinen Lesern in seinem Roman „ALL THAT GLITTERS“ die Person des Michael Jackson, dem Raymond nie begegnet ist. Onkel Ray, der eigentlich im Bauwesen tätige Bruder Evan Chandlers, hatte über den Skandal der Familie 1993 zunächst den Journalismus für sich entdeckt, wählte 2001 den Beruf des Anwalts und wurde um 2004 Schriftsteller und Talk-Show Kandidat. Als er also seinen Lesern die Psyche des King of Pop erklärte, machte Raymond das mithilfe des Entertainment-Autors J. Randy Taraborrelli.
Und Taraborrelli bedeutet unterhaltsames Drama.

 

Der Jackson des Entertainment-Autors Taraborreli den keiner wiedererkennt

J. Randy veröffentlichte seit 1991 in Serie „ultimative“ Michael Jackson Biografien. Viel näher als alle anderen kam er aber Jackson auch nie und so füllte er spätestens ab 1991 seine Erzählungen mit Tabloid-Stories und seine biografischen Lücken mit filmreifer Dramaturgie. Als „Entertainment-Schreiber“ stellte sich der Autor in der ersten Jackson Edition vor.

Das Besondere an Taraborrelli? Er war stets dabei. Taraborrelli ist die ewige Fliege an der Wand des Michael Jackson. Taraborrelli ist in der Lage Jacksons intimste, einsamste Momente zu beschreiben. Denn Taraborrelli war dabei. Momente, in denen Jackson ganz für sich war? Keine Chance, Taraborrelli war dabei. Wie konnte Jackson immer behaupten, er sei der einsamste Mensch auf der Welt? J. Randy Taraborrelli war doch da. In jedem exakten Moment des Lebens des Michael Jackson war Taraborrelli an seiner Seite. Und das Beste: Taraborrelli wusste immer ganz, ganz genau, wie Jackson sich fühlte, denn Taraborrelli konnte die Gedanken des Michael Jackson lesen. Das steht so in Taraborrellis Buch. Taraborrelli war Michael Jackson.

Karen Faye, Jacksons Make-up Artistin, die Michael drei Jahrzehnte lang mehr als nahe stand, bewertete Taraborrellis Biografie mit folgendem niederschmetterndem Urteil:

„Ich habe einiges davon gelesen und dann aufgehört. Ich konnte die Person nicht wiedererkennen, über die er geschrieben hatte … [Taraborreli] ist ein Schreiber, der versucht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kontroverse verkauft sich. Ich stimme nicht mit dem überein oder sehe die Dinge nicht so, wie er über sie „schreibt“.“ 2

Taraborrellis Buch galt über lange Zeit als die einzige Jackson-Biografie auf dem Markt. Viele Jackson-Porträts bauen auf seinen Erzählungen auf. Doch wie hoch ist in seiner Biografie der Anteil, der in Wahrheit den Fantasien Taraborrellis gehört? Kommen zukünftige Jackson-Porträts überhaupt noch ohne Taraborelli-Anteile aus? Und wie viel Jackson in der heutigen Medienlandschaft ist in Wahrheit Taraborrelli?
DAS ist Entertainment.

 

Taraborrellis „Madness“: Noch ein Filmskript in dem Evan Chandler involviert war?

Wie schon Chandlers „ALL THAT GLITTERS“ von 2004 liest sich auch Taraborrellis Jackson wie ein Filmskript. Dessen Bücher über Kennedy und Monroe sind verfilmt worden. Vielleicht verfasste er die Jackson Biografie mit derselben Absicht. 3

Taraborrellis Version der Anschuldigungen 1993 sind in seiner Jackson Biografie das Werk Evan Chandlers

Interessanterweise hat Taraborrellis Werk in Abschnitten bedenklich viele Ähnlichkeiten mit den Publikationen des Victor Gutierrez von 1995 und des Raymond Chandler von 2004. Speziell Taraborrellis Version des Chandler-Skandals von 1993 liest sich wie die abgeschwächte Form der vorgenannten, allerdings ohne die pädophilen Garnierungen. Doch macht das die Version des Entertainment-Autors umso tückischer, weil alle späteren Jackson-Biografen Taraborrellis „Madness“ als Fakt zitieren. Und der hat seine Version von den Ex-Bodyguards, Ex-Zimmermädchen aus den Talkshows, von Chandlers Anwalt Larry Feldman. Und sogar von Evan Chandler persönlich.

Dazu Taraborrelli 2004:

„Aus dem Text sollte der Leser in der Lage sein festzustellen, dass ich über Jahre hinweg die meisten Verantwortlichen in der Jordie Chandler Angelegenheit interviewt habe, auch wenn sie nicht bekanntgemacht werden möchten.“ 4

Erst 2009, nach dem Selbstmord Evan Chandlers, wurde Taraborrelli kurz im Internet deutlicher, dass es tatsächlich Chandlers Version war, die er jahrelang präsentiert hatte:

Ich kannte tatsächlich Evan Chandler. Ich traf ihn mehrere Male in den 1990ern. Ich hatte eine Menge geheimer Treffen mit Evan Chandler, versuchte, den Dingen auf den Grund zu gehen, die wirklich vor sich gingen … Ich habe Stories über den Kerl, die ich nie veröffentlicht habe. Er war widersprüchlich, wie es nur geht. Er war so entschlossen, mich auf seine Seite zu kriegen, dass ich dachte, er sei wirklich etwas erschreckend. Wenn man mein Buch liest, versteht man vielleicht, was ich dachte – denke – über ihn. Als (das Buch) herauskam, rief er mich an, brüllte mich an, dass ich ihm seine Story nicht 100 % abgekauft hatte. Er bedrohte mich sogar und ich dachte … okay, Kumpel, jetzt weiß ich, wer du wirklich bist.“

Taraborelli, J. Randy, im November 2009. 5

Taraborrelli bastelte uns einen Michael Jackson

Bis zu diesem erleuchtenden Bekenntnis und bis zum heutigen Tag, handelt Jacksons Hauptbiograf Taraborrelli die EVANstory als die einzige Wahrheit. Mit allen behaupteten Handlungen Jacksons, angeblichen Gedanken, Herzrasen, Kichern, Absichten und Seufzern und dem ewigen Bestreben des Autors, dabei irgendwie noch das negativ besetzte Peter-Pan-Image unterzubringen. Entertainment-Schreiber Taraborelli wandelte die EVANstory nach eigenen Vorstellungen ab und präsentierte sie als die Realität.

Evan Chandler, der sich Jackson und dem Gericht gegenüber schriftlich verpflichtet hatte, seine Geschichte von „Jordie“ höchstens in einem Strafgerichtssaal zu erzählen und sonst nicht weiter zu vertreiben, brachte also seine Story nun zum Jackson-Biograf. Und der schmückte sie aus, veränderte mal Daten, Details und Events, erzählte seinen Lesern Evans Version und bastelte uns einen Michael Jackson.
Was Taraborelli auf immer fehlt, sind die Erklärungen Jacksons zur Sache.
Sie fehlen uns alle.

Wenn ein Autor versucht, alle zu bedienen

Von Taraborelli fühlt man sich unterhalten. Er besitzt eine gewisse Sensibilität, hat Humor, recherchiert umfangreich, hat alle Fähigkeiten, die einen Autor von mehr als Dutzend Biografien erfolgreich machen. Sein Werk

ist so gut, es kann dich in einem Punkt vollkommen glauben machen, Jackson hat es getan, um dich am nächsten ebenso von seiner Unschuld zu überzeugen.6

Gilt dieses Verhalten des Autors als Beweis von Neutralität? Oder ist die Schreibweise das Bestreben eines geschäftstüchtigen Autors, über die Fans hinaus, eine möglichst breit gefächerte Kundschaft zu bedienen?

 

Taraborreli und Tabloids = eine Jackson „biografie“: bizarr, vernichtend, schuldig, besessen …

Taraborrelli schrieb Jackson-Artikel für Super-Tabloids wie die ‚Daily Mail‘ und den ‚Star‘. 7 Einen dieser Artikel verfasste Taraborrelli anlässlich des 50. Geburtstags Jacksons 2008:

„Willkommen in der sehr traurigen Welt von Wacko-Jacko.“

Eine künstlich manipulierte Photoshop-Montage Jacksons begleitete Taraborrellis Vorwurf, dass der zu seinem 50. Geburtstag eigentlich nach Taraborrellis Vorstellungen (und nicht Jacksons) hätte aussehen sollen. Nachfolgend steht ein Auszug jener Worte, die sich J. Randy Taraborrelli für Jackson 50. Geburtstag hatte einfallen lassen:

Schuldig, schwach, am Ende, allein, verloren, ausgemergelt, Missbrauch, bizarr, isoliert, müde, grässlich, erschüttert, desorientiert, murmelnd, Drogen, leiden, zerstört, traurig, vernichtend, Ärger, Wahnsinn, verzweifelt, flüstern, schockiert, verrückter, besessen, schlimm, schwächlich, arthritisch, exzentrisch, exzessiv, unangemessen, gealtert, außerstande, Schulden, ruiniert. 8

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Michael von J. Randy Taraborrelli …

Taraborelli übrigens schrieb 18 Biografien: über Diana Ross, Cher, Carol Burnett, Frank Sinatra, Madonna, Grace Kelley/Fürst Rainer, Marylin Monroe, Kennedy, die Hiltons, Beyoncé … ihnen allen war er sicher ebenso nah, wie er Michael Jackson gewesen war.

 

Quellen

  1. Taraborrelli, J. Randy, Michael Jackson: The Magic, the Madness, the Whole Story, 1991,  „Forget everything you ever read about Michael Jackson. The truth has never been told. Until now. … But the truth is even stranger than fiction.“, Carol Publishing Group
  2. Faye, Karen,  2016.07.29., „I read some of it, and stopped. I did not recognize the person he was writing about. … „He is a writer trying to make a living. Controversy sells. I do not agree or see things the way he „writes“ about them.“https://twitter.com/wingheart
  3. Taraborrelli, J. Randy, ABOUT J. RANDY TARABORRELLI PRODUCTIONS, 2017.06.06., „J. Randy Taraborrelli Productions was established in 2013 to support the author’s move into film and television. Taraborrelli works with a variety of studio principles to produce screen and television adaptations of his extensive catalogue. He serves as both an advisor and a producer on a number of projects. Currently, his book After Camelot (ReelzChannel) is in production. He also regularly develops story concepts for television.“, jrandytaraborrelli.com/about-j-randy-taraborrelli-productions/
  4. Taraborrelli, J. Randy, Michael Jackson: The Magic, the Madness, the Whole Story, 1991 bis 2009,  „From the text, the reader should be able to glean that I have interviewed most of the principals involved in the Jordie Chandler matter over the years, even though they wish not to be acknowledged here. I also drew from lengthy conversations with Larry Feldman, Michael Freeman, Anthony Pellicano, Diane Dimond, Vinnie Zuffante, Mark Quindoy, Jack Gordon, LaToya Jackson, Ernie Rizzo, Lauren Weis, Gary Spiegel, Robert Wegner, Charles T. Matthews, Tom Sneddon, Harry Benson, Russell Turiak and Susan Crimp.“, Pan Macmillan. Kindle-Version, (Kindle-Positionen11456-11458)
  5. Taraborrelli, J. Randy, 2009.11.,  „I actually knew Evan Chandler. I met him several times in the 1990s. I had lots of secret meetings with Evan Chandler, trying to get to the bottom of what was going on. I was pretty young, sort of green and wish I had my present level of expertise to be able to have applied back then. I have stories about that guy that I have never published. „He was about as inconsistent as they come. He was so determined to get me on his side, I thought he was just a tad scary. If you read my book you sort of get how I felt — feel — about him. When [the book] came out he called me screaming at me for not just buying his story 100%. He actually threatened me, and I thought… okay, pal, now I know who you really are.„, http://charlesthomsonjournalist.blogspot.de/2009/11/daily-mail-lies-to-press-complaints.html
  6. Guest, Lynton, THE TRIALS OF MICHAEL JACKSON, 2006, „The updated edition of J. Randy Taraborrelli’s excellent biography, Michael Jackson: The Magic and the Madness, is so good it can make you totally believe Jackson did it at one point, then be equally convinced of his innocence the next. Thus it can claim more neutrality than most. It does present much evidence and its early edition has remained the definitive account of Jackson’s life.“, Aureus Publishing Limited, Großbritannien, Seite 38
  7. 1_Anmerkung: „Star“ ist die Tabloid-Zeitung, die jene fünf Bodyguards für Geschichten bezahlte, die sie mit Hilfe von Victor Gutierrez erzählten und verkauften. Siehe: Chacon, Ralph. Vernehmung durch Thomas Mesereau, Strafverteidiger im Verfahren gegen Michael Jackson im Jahre 2003 bis zum Freispruch 2005, 2005.04.07., abgerufen 2017.03.04., „Q. Did you sell a story to the tabloid?A. Yes, sir […]Q. Well, we went to a tabloid.Q. Which one? A. It was The Star.Q. And you wanted money for a story, true? A. Yes, sir. […]Q. Do you recall speaking to a book author named Gutierrez? A. Yes, sir.Q. And approximately when did you speak to a book author named Gutierrez? A. I believe that was before we went to Star, and — but I don’t remember the — I don’t remember the date or the time.“, ,http://www.geniusmichaeljackson.com/court/Transcripts/Court%20Transcript%204%2007%202005.txt
  8. Taraborrelli for MailOnline, J. Randy, „As he turns 50, is this what Michael Jackson should really look like?“, Taraborrelli for MailOnline, 2008.08.28., abgerufen 2017.06.08., guilty, frail, down, alone, lost, sad, gaunt, molestation, bizarre, isolated, dire, shaken, disoriented,mutters,isolated,drug,suffering,tired,devastated,saddened,,damning,trouble,madness,distraught,default, whisper, shocked, weirder, obsessed,worst,weakly,arthritic,false, eccentricities, excessive, inappropriate, aged, unable, debt, ruined, abuse., http://www.dailymail.co.uk/tvshowbiz/article-1050082/As-turns-50-Michael-Jackson-really-look-like.html#ixzz4jQdoVZl3

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